Eingesendet: Redebeitrag zu Geschlechterverhältnis und Krise auf der FAU-Demo

Hiermit dokumentieren wir einen Redebeitrag, der heute auf der Demonstration „Wir haben eine Würde zu verteidigen! Globale Solidarität gegen Sozialkahlschlag und Ausbeutung!“ gehalten wurde. Kritisiert wurde die fehlende Auseinandersetzung mit Reproduktionsarbeit sowie die fehlende Hervorhebung der Situation von Frauen als doppelten Krisenverliererinnen. Gefordert wurden dahingehend grundlegendere, umfassendere Fragstellungen bei der Beschäftigung mit Kapitalismus, Krise und Arbeit(-skampf). Der Beitrag wurde zudem als Flyer verteilt. Hier kommt er:

Wer von der Krise redet, kann vom Geschlechterverhältnis nicht schweigen.

Wachsende Ausbeutung, Flexibilisierung, Armut, Kurzarbeit und Erwerbslosigkeit, Rückgang staatlicher sozialer Absicherung – man könnte meinen, Männer und Frauen seinen gleichermaßen von der Krise betroffen. Sind sie aber nicht. Frauen sind doppelte Krisenverliererinnen.

Der Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre hat vor allem Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt. Zwei Drittel aller im Niedriglohnsektor Beschäftigten in Deutschland sind Frauen. Auch Leiharbeit beginnt sich in traditionell weiblich segregierten Beschäftigungsfeldern, wie dem Pflegebereich, auszubreiten. In ökonomischen Krisenzeiten sind Frauen überproportional von Entlassungen betroffen. Die Konjunkturprogramme sind vor allem eine Unterstützung männerdominierter Branchen – so etwa der Automobil- und Baubranche.

Das Geschlechterverhältnis ist weiterhin hierarchisch, aber es hat sich verändert. Frauen werden zwar immer noch schlechter bezahlt als Männer, werden aber immer weiter in Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit integriert. Der Familienlohn über den männlichen „Ernährer“ ist für die Kapitalverwertung zu teuer geworden. Damit der Wert der Arbeitskraft sinkt, müssen stattdessen möglichst viele Familienmitglieder der Lohnarbeit unterworfen werden.

Frauen sind aber zudem immer noch hauptverantwortlich für Hausarbeit, Gebären, Erziehung, Pflege, Sorge um Kinder, Alte, für die Entspannung oder das „Wieder-Auftanken“ des arbeitenden Mannes (ausgehend von der hegemonialen heterosexuellen Kleinfamilie).
Frauen sind also für Beruf und Familie, für Produktion und Reproduktion gleichermaßen zuständig und somit doppelt vergesellschaftet – die großartige „Vereinbarkeit“ gehört zum Bild der erfolgreichen Frau. Diese Doppelbelastung führt zu weniger kontinuierlichen Arbeitsbiografien, häufig zu Teilzeitarbeit, was wiederum zu geringerem Einkommen und der Restabilisierung von Abhängigkeiten führt.

Unter prekärer und entgrenzter Lohnarbeit erhöht sich der Aufwand für Selbstsorge und Sorge für Andere noch. Der gleichzeitige Abbau der sozialen Absicherung und Reduktion der staatlichen Aufwendungen in den Bereichen der Erziehung und Bildung, Gesundheit und Pflege spitzt die Lage weiter zu.

Aber hey, wer in der Krise arbeitslos wird, hat wenigstens Zeit, sich um den Abwasch zu kümmern.

Zwar werden inzwischen immer mehr Pflege- und Sorge-Tätigkeiten über den Dienstleistungssektor verwertet (wo es wieder zumeist schlecht bezahlte Frauen sind, die diese Arbeit machen), jedoch bleibt es wegen geringer Möglichkeiten zur Produktivitäts-steigerung in diesem Sektor am günstigsten, wenn meist weibliche Erwerbstätige die wachsenden Reproduktionsaufgaben ohne gesellschaftliche Unterstützung am Rande der Erschöpfung zusätzlich zu ihrer Lohnarbeit realisieren.

Eine sozialdarwinistische Familienpolitik (z.B. Elterngeld) ermutigt v.a. besserverdienende Frauen bzw. Paare, trotzdem Kinder zu kriegen.

Eben diese haben auch die finanzielle Möglichkeit, sich von der überlastenden Hausarbeit oder Kinderbetreuung zu befreien, indem z.B. Migrantinnen ausgebeutet werden.

Arbeitskämpfe müssen auch vom Standpunkt der Reproduktion aus geführt werden.

Die gesellschaftlich abgewerteten Reproduktions-Tätigkeiten bleiben im hegemonialen Diskurs als typische Frauenarbeit oft unsichtbar. Gewerkschaften reihen sich hier ohne Ausnahme ein: Auf Basis androzentrischer Denkmuster setzen sie den männlichen (und weißen) Arbeiter als Allgemeines – und vergessen den „Rest“, der doch konstitutiv ist für denselben.

Der Wert bzw. das moderne (männliche) Arbeitssubjekt muss Emotionales, Sinnliches von sich abspalten, was dann gesellschaftlich an Frauen und die Privatsphäre delegiert wird. Reproduktionstätigkeiten sind notwendig zur (Wieder-) Herstellung der Ware Arbeitskraft und somit stumme Voraussetzung von abstrakter Arbeit und Wert.

Für Frauen kann es nicht nur um Gleichberechtigung innerhalb des Systems, etwa über gender mainstreaming-Prozesse, gehen. Über abstrakte Gleichheit ginge dies ja doch nicht hinaus. Ebenso sollte die teilweise Einbeziehung von Frauen als Krisenverwalterinnen nicht mit Emanzipation verwechselt werden.

Es müssen sich grundlegendere Fragen gestellt werden:
Welche Existenzbedingungen und Reproduktions-Arbeiten sind gesellschaftlich notwendig, wie sind diese organisiert und verteilt und inwiefern ist das gesellschaftlich vermittelt? Wie wollen wir die Arbeit verteilen?

Mögliche realpolitische Forderungen, die zu diskutieren wären, könnten sein: Arbeitszeitverkürzung in der Erwerbssphäre, Ausbau sozialer Infrastruktur, Vergesellschaftung von Reproduktionskosten. Ja, die Bezahlung von Haus- und Sorgearbeit wäre eine mögliche Forderung, jedoch würde dies den Lohnarbeitsbereich nur ausweiten und der Verwertung weiterer Lebensbereiche, die ohnehin voranschreitet, noch zuarbeiten. Wäre da nicht eher die angemessene Frage: Wie werden wir abstrakte Arbeit und Wert los?

Um die Arbeit aufzuheben, müssen verschiedene Seiten der Medaille, nicht nur die Produktionssphäre, beleuchtet werden. Dabei ist das Geschlechterverhältnis endlich nicht mehr als Neben- oder Frauenthema, sondern als gesellschaftliches Grundprinzip zu betrachten.

(Wie) Können Reproduktions-Arbeiter*innen „streiken“?

Wie sieht ein Arbeitskampf aus, der alle gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten im Blick hat und Kapitalismus mitsamt seines Arbeitsbegriffs tatsächlich zu überwinden trachtet?“


1 Antwort auf „Eingesendet: Redebeitrag zu Geschlechterverhältnis und Krise auf der FAU-Demo“


  1. 1 Dokumentation eines Redebeitrags zu Geschlechterverhältnis und Krise « Gegen den sexistischen „Normal“zustand! Pingback am 02. Oktober 2013 um 15:05 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.