Archiv für Dezember 2012

Buch „Geschlecht zwischen Struktur und Subjekt“

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Wer sich mit Feminismus und Sexismuskritik beschäftigt, wird sich irgendwann fragen: Wo steckt eigentlich dieses „Geschlecht“? Wo entsteht diese Einteilung in „Mann“ und „Frau“, wo entsteht soziale Ungleichheit zwischen diesen Gruppen – und hängt das eine mit dem anderen zusammen? Wie schafft es das asymmetrische Geschlechterverhältnis, so lange zu überdauern?
Die Einsicht, dass Geschlecht nicht biologisch begründbar, sondern etwas sozial Konstruiertes ist, ist wichtig, aber im Grunde noch gar nichts. Wo und wie genau wird es von wem konstruiert – und warum immer wieder? Sind wir alle es, die Geschlecht (re)produzieren? Können wir dies in bestimmten Situationen unterlassen, können einzelne Handlungen Veränderungspotential haben? Inwiefern sind wir, unsere Handlungen, unsere Interaktionen, unser Verhalten durch gesellschaftliche Strukturen und (Herrschafts-)Verhältnisse beeinflusst? Und andersherum: Inwiefern werden letztere durch erstere erst hergestellt? Dass irgendwie beides wichtig ist (Struktur und individuelles Handeln), wird heutzutage kaum noch jemand bestreiten. Aber wie ist der Zusammenhang und wie ist das Kräfteverhältnis zwischen diesen beiden Ebenen zu fassen? Wie erklären sich Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Strömungen und Theorietraditionen das Phänomen „Geschlecht“?

Zu diesen Fragen, die inzwischen seit Jahrzehnten von Feminist*innen diskutiert werden, leistet ein vor kurzem erschienenes Buch mit Beiträgen verschiedener Autor*innen einen interessanten Beitrag. Inhaltsverzeichnis

Es geht hier nicht etwa nur darum, die Existenz eines Zusammenhangs zwischen den verschiedenen o.g. Ebenen festzustellen (darin sind sich die hier versammelten Autor*innen einig), sondern darum, herauszufinden und sich darüber zu streiten, wie genau dieser aussieht und funktioniert.
Wie das Kräfteverhältnis zwischen „Verhältnis und Verhalten“ (R. Becker-Schmidt) zu beschreiben ist – ob also das Subjekt gegen die Struktur in Stellung gebracht werden kann und sollte – oder was dann „gewinnt“, was „am längeren Hebel sitzt“, was in letzter Instanz entscheidet; diese Frage beantworten die Beiträge auf unterschiedliche Art und Weise – oder auch gar nicht.
Teilweise werden die beschriebenen Funktionsweisen in den historischen Kontext (also heute in den des Kapitalismus, des Postfordismus) eingeordnet, teilweise wird dies vergessen oder absichtlich unterlassen, was zu (mindestens) irritierenden Schlussfolgerungen führt, z.B. dem Abfeiern momentaner Veränderungstendenzen. In diesen Fällen freut sich die verärgerte Leserin über die Kritik, die direkt auf den Fuß folgt.
Das Buch ist nämlich so aufgebaut, dass den Beiträgen jeweils noch eine kritische Antwort folgt, so dass mehr entsteht als ein bloßes Nebeneinander von Positionen.

Die Herausgeberinnen Julia Graf, Kristin Ideler und Sabine Klinger machen stark, dass verschiedene Ansätze nötig sind – solche mit Hauptaugenmerk auf die individuelle Handlungsebene oder eben auf größere Zusammenhänge – um verschiedene Dinge, verschiedene Teile zu verstehen. Um „Geschlecht“ im Kapitalismus zu verstehen, brauchen wir sie alle.
Der Versuch besteht hier darin, und hier folgt das Buchkonzept offensichtlich Regina Becker-Schmidt (ungefähr so gehört in ihrem Vortrag), verschiedene (Theorie-)Ansätze zusammenzubringen, ohne die jeweils andere Seite zu zwingen, ihr Paradigma zu wechseln. Sich darauf einzulassen, erstmal herauszufinden, was die vermeintliche Gegenseite nun genau meint, wenn sie z.B. „Subjekt“ sagt – bevor mensch zum Angriff ausholt.
Wer jetzt Angst hat, es liefe darauf hinaus, dass alle mal was sagen dürfen und sich am Ende ganz lieb haben sollen, kann beruhigt werden. Es wird zwar eine Bandbreite an Positionen geboten, aber es kommen doch nicht „alle“ vor – die Auswahl der vertretenen Autor*innen spricht für sich. Und wo etwas nicht „zusammenzudenken“ ist, wird dies auch klar benannt.

Die Herangehensweise der Herausgeberinnen ist gleichzeitig sowohl wissenschaftlich als auch wissenschaftskritisch. Sie fordern im Anschluss an Maria Mies eine politische (feministische) Positionierung von Wissenschaft (im Gegensatz zum Max Weber’schen Ideal einer wertfreien Wissenschaft) und eine Auseinandersetzung dieser mit sozialen (feministischen) Bewegungen. Mehr dazu siehe Schlussbemerkungen

Als „Zielgruppen“ des Buches gibt der Barbara Budrich Verlag Folgendes an: „(Nachwuchs-)WissenschaftlerInnen und Studierende im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung“. In der Tat könnte es als allererstes Buch zu Geschlecht oder als erstes wissenschaftliches Buch etwas schwierig werden. Aber wer weiß, ihr könnt es ja einfach testen. Denn das Großartigste ist: Das Buch steht unter Creative Commons-Lizenz und ist kostenlos downloadbar!

Hier die Seite: http://subjektstruktur.blogsport.de
Dort findet ihr auch Mitschnitte der im Vorfeld durchgeführten Vortragsreihe „Geschlecht, wo steckst du?“ an der Uni Marburg.

Weil er so schön ist, gibt es hier noch den sehr amüsanten Anfang der Einleitung Tove Soilands zu ihrem Artikel „Subversion, wo steckst du?“:

Es mag so oder anders gewesen sein. Jedenfalls fühlte ich mich bei der Lektüre der Fragestellung zu diesem Band unwillkürlich in den Seminarraum eines Diplomandenkolloquiums versetzt, wo sich ungefähr folgende Szene abspielt: Studentin A stellt ihre soziologische Untersuchung vor, in welcher sie feststellt, dass heute mehrheitlich Frauen in prekarisierten Verhältnissen des sogenannten Care-Sektors arbeiten. Studentin B wirft ein, dass dies eine unzulässige Verallgemeinerung sei, da dies nicht primär Frauen, sondern MigrantInnen betreffe, die Kategorie Geschlecht hier folglich fehl am Platz sei. Studentin A verteidigt sich, das sei einerlei; Hauptsache sei, dass der Kapitalismus diese Arbeiten nicht honoriere, woraufhin Student C einwirft, dass es einen solch globalen Kapitalismus nicht gebe, dass ihn zu postulieren eine diskursive Festschreibung sei. Student*_(in?) doppelt nach, dass er/sie die Gewaltförmigkeit dieser Großkategorien – ob Geschlecht oder Kapital sei ihm da völlig egal – satt habe und fordert stattdessen eine Ethik des Nichtausschlusses. Das Ganze artet in einen allgemeinen Tumult aus, in welchem die einen den anderen weißen, heterosexuellen Rassismus vorwerfen, während die anderen, bereits etwas in die Defensive gedrängt, in die Waagschale werfen, dass selbst während der StudentInnen-Proteste, mit welchem I auch immer geschrieben, es wiederum Frauen waren, die von ihren männlichen Kollegen sexuell belästigt wurden.
In die Theoriesprache rückübersetzt lautete dies dann […]

(weiterlesen siehe Blog ^^)