Von weiblichen Opfermythen. Deutsche Frauenbewegungen und Antisemitismus

Jahrzehntelang hat die „neue Frauenbewegung“ ein positives Bild von „der Frau“ im NS gezeichnet, was nicht selten zu einer den Holocaust verharmlosenden Argumentation führt(e). Entgegen der Tatsache, dass Frauen als KZ-Aufseherinnen, Fürsorgerinnen oder Denunziantinnen an der antisemitischen Ausgrenzung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden begeistert mitwirkten, werden sie in feministischen Schriften oft auch als auf die Mutterrolle reduzierte „Gebärmaschinen“ dargestellt – ein feministischer Fall von Täter(innen)-Opfer-Umkehr. Handelt es sich um einen spezifisch feministischen Antisemitismus, wenn Matriarchatsforscherinnen dem Judentum und seinem historischen „Ausmordungsprogramm“ die Schuld an der Zerstörung des Matriarchats geben und es als besonders patriarchale Religion imaginieren? Der Bogen reicht bis Judith Butler, die nicht mehr vom „alten Israel“ spricht, sondern alles Schlechte im heutigen, rassistischen, vom Siedlerkolonialismus und Reinheitsvorstellungen geprägten, auf Vertreibung basierenden, illegitimen Staat Israel verortet, der aufgrund anhaltender „Deportationen“ und des „konzentrierenden Kolonialismus“ ebenfalls selbst schuld an der ihm drohenden Zerstörung sei.

Ljiljana Radonic ist Lehrbeauftragte am Wiener Institut für Politikwissenschaft und forscht über den Zweiten Weltkrieg in post-sozialistischen Gedenkmuseen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Relevante Publikationen: Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Frankfurt/Wien 2004; Sexualität und Mutterschaft. Geschlechterverhältnisse im Nationalsozialismus, in: Jungle World 21/2006; Gebärmaschinen und Mitläuferinnen? – Zum Umgang der „Neuen Frauenbewegung“ mit Nationalsozialismus und Antisemitismus, in: Fleissner, Peter/Wanek, Natascha (Hg.): BruchStücke. Kritische Ansätze zu Politik und Ökonomie, Berlin 2009.

21.05.14
19h
kosmotique
Martin-Luther-Straße 13, Dresden

Diese Veranstaltung wurde von der Amadeu-Antonio-Stiftung gefördert