Archiv für Mai 2014

Lyrik aus Schwarzer Perspektive – drei Poetinnen: Audre Lorde, May Ayim und Stefanie-Lahya Aukongo.

Lahya

In dieser Lesung werden diese drei Poetinnen vorgestellt, die zusammen fast drei Generationen von Schwarzen Lyrikerinnen bilden.
Als Referentin konnten wir Stefanie-Lahya Aukongo selbst gewinnen. Sie wird die Biographien aller drei Frauen* vorstellen und jeweils 4 -5 ihrer wichtigsten Gedichte vortragen.
Eingebettet wird die Veranstaltung wieder in cafémscher Gemütlichkeit sein.

cafém mit Brunch: 14 – 20h
14-16h Interessiertentreffen Gender Pay Gap

Hier kann die Diskussion vom 25.04. (Veranstaltung von FAU und e*vibes im WUMS) weitergeführt werden. Es können aber gern auch neue Gesprächspartner*innen hinzukommen :)
Eine Idee vom 25., die hier konkret angegangen werden könnte, wäre die Zusammenstellung von Grundaussagen zu dem ganzen Themenkomplex (geschlechtlich ungleiche Löhne und Widerlegung dazugehöriger ideologischer Erklärungsmuster, unbezahlte Arbeit, Care-Work als Schnittpunkt), um daraus einen Infoflyer zu erstellen, den man dann länger und verschieden verwenden könnte.

Lesung: 16h
Einrit frei, Spenden erwünscht

zertrümmern. Redebeitrag am 8.Mai zu Trümmerfrauen in Dresden

hammer
(Bildquelle: BILD vom 05.07.2013, „Stressabbau mit dem Vorschlaghammer“)

Der folgende Beitrag wurde heute auf der Demo „08. Mai 1945 Tag der Befreiung – ein Tag zum Feiern“ in Dresden gehalten.

Hier gibt’s den Beitrag zum Anhören.

So langsam hat sich ja in linken Kreisen in Dresden etabliert, allgemein über Opfermythen und Geschichtsrevisionismus zu sprechen.
„Noch immer zu wenig Beachtung finden hingegen die Leistungen der Dresdner `Trümmerfrauen´“1, findet das Frauenstadtarchiv. Dem möchten wir zustimmen, allerdings mit anderen Absichten.

Die sogennanten „Trümmerfrauen“ räumten ab 1945 bis in die 50er, teilweise 60er Jahre in Deutschlands zerbombten Städten auf. Sie schafften Trümmer weg, rissen stehengebliebene Gebäudeteile ab, machten die Steine wiederverwendbar. Und sie bauten „alles“ wieder auf: Wohnhäuser, Fabriken, Schulen usw.. Weil die körperliche Arbeit sehr schwer war, wurden 1946 bestehende Arbeitsschutzbestimmungen für Frauen teilweise aufgehoben. Als Beschäftigte hießen sie „Bauhilfsarbeiterin“, „Trümmerarbeiterin“ oder „Arbeiterin für Enträumungsarbeiten“ – aber es gab auch unbezahlte Freiwillige.
Auf der Baustelle waren die Frauen*2 nicht allein: Auch (deutsche und alliierte) professionelle Trümmerbeseitiger_innen, sowie Kriegsgefangene und von den Alliierten zwangsverpflichtete ehemalige Nazi-Männer* mischten mit.

Die mittlerweile nicht mehr existente rechts­nationale Internetseite truemmerfrauen.de bringt das starke Bild der „Trümmerfrau“ auf den Punkt: Unter dem Motto “Andere zerstörten unser Heimatland, sie bauten es auf mit bloßer Hand” heißt es:

“8. Mai 1945, Deutschland, eine einzige Trümmerwüste. 500 Millionen Kubikmeter Schutt und Asche. Experten berechnen, dass es mindestens 30 Jahre dauern wird, bis die Trümmer beiseite geräumt sind. Die Experten, haben sich gründlich geirrt, weil sie nicht mit den Frauen unseres Landes gerechnet haben. Schon am ersten Tag nach dem Krieg beginnen Sie mit der Arbeit. In einer beispiellosen Energie­leistung vollbringen sie, was niemand für möglich hält. Als ihre Männer und Söhne aus der Kriegsgefangenschaft heimkehren, haben sie unser Land bereits gründlich aufgeräumt. Der Wiederaufbau beginnt und die Welt staunt. Als Trümmerfrauen setzten sie sich und allen Frauen unseres Landes ein Denkmal”.

Das Bild von den starken deutschen Frauen, die sich unter äußersten Entbehrungen für den Wiederaufbau des Landes aufopferten, taugte und taugt auch heute noch wunderbar zur deutschen Vergangenheitsbewältigung.

Die Schuld am Holocaust und Nationalsozialismus wurde nach ’45 auf wenige Figuren projiziert. Hitler war’s – und vielleicht noch Göring und Himmler. So konnte sich der Großteil der „einfachen Leute“ aus der Verantwortung ziehen bzw. die eigene Schuld verdrängen.

Der deutsche Feminismus der 70er und 80er Jahre entwickelte eine weibliche* Version der Schuldabwehr, die bis heute wirkt: Die Männer warn’s. In Diskussionen um „Mittäterschaft“ von Frauen wurde argumentiert, die Frauen hätten schon auch mitgetan, aber im Grunde nur, weil sie sozusagen vom Patriarchat dazu genötigt wurden.
Dass im NS die Hierarchie zwischen den Geschlechtern zugunsten der Herrschaft der „arischen“ „Volksgemeinschaft“ – der deutschen Männer und Frauen – an Bedeutung verlor, musste von den Nachkriegsfeministinnen verdrängt werden. Im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus waren „arische“ Frau­en* in Bezug darauf den Män­nern* gleich­ge­stellt, dass sie sich gegen den ge­mein­sa­men ‚Feind‘, vor allem die Jü­din­nen und Juden, zu­sam­men­schlos­sen. Sie waren nicht nur bloße ‚Ge­bär­ma­schi­nen‘:

Ihre Mut­ter­schaft wurde hoch­ge­lobt, ihre Tä­tig­kei­ten im Haus­halt oder bei der Er­zie­hung der Kin­der immer mehr an­er­kannt. Das 1938 ge­stif­te­te Mut­ter­kreuz un­ter­streicht die Be­mü­hun­gen der NSDAP, diese „Frau­en*auf­ga­be“ auf­zu­wer­ten. Im ei­ge­nem Heim wurde selbst­be­wusst „in kleins­tem Rah­men der Kampf gegen den in­ne­ren Feind, den un­deut­schen Geist, aus­ge­tra­gen“ – so Frau­en­füh­re­rin Irene Sey­del.3

Frauen* im NS waren eben nicht nur das schüchterne Heimchen am Herd. Auch nicht nur stützende Ehefrau. Frauen* wirkten, als KZ-Aufseherinnen, BDM-Führerinnen, Munitionsarbeiterinnen oder Denunziantinnen, an der Ausgrenzung und Vernichtung von Millionen von Menschen nicht weniger begeistert mit als die Männer*. Sie standen ihren männlichen* Kollegen dabei in nichts nach.

Auch gegen das Bild der unterdrückten Hausfrau spricht, dass weib­li­che* Er­werbs­ar­beit ab 1933 ste­tig zunahm. Ei­ner­seits durch Pro­fes­sio­na­li­sie­rung vor­he­ri­ger Haus­ar­beit, aber ab Beginn des Krieges auch auf­grund des Aus­falls männ­li­cher* Sol­da­ten als Ar­beits­kraft. Die Tätigkeiten der Frauen* wurden deshalb anerkannt, weil schließlich jedes Glied der ‚ari­schen Volks­ge­mein­schaft‘ wich­ti­ge Ar­beit für deren Wei­ter­be­stand und Op­ti­mie­rung leis­te. Es war schon damals so: Gruppen, z.B. Frauen*, emanzipieren sich gerade dann, wenn man sie als Kriegs- oder Krisenverwalterinnen braucht.

Die Täterinnenschaft der deutschen Frauen* lässt sich schwer mit dem Bild der Trümmerfrauen vereinbaren. Dieses zeigt die mit bloßen Händen Steine klopfende Frau*, die Not leidet, für die sie noch nicht mal was kann. Sie hat den Krieg schließlich nicht gemacht. Sie sorgt sich nur um die Kinder und um das Essen für den nächsten Tag. Was kann sie dafür? Es ist ungerecht. Aber sie steht es durch – die Starke, die Heldenhafte, die Selbstlose. Für uns alle.

Gut, dass Frauen* so stark sind und so viel Leid ertragen können. „Zäh wie Leder“.
Gewürdigt wurde und wird diese Opferbereitschaft z.B. in Feierstunden, mit Ausstellungen und der Errichtung von Denkmälern (wie in Dresden am Rathaus). Außerdem wurden Auszeichnungen überreicht: In der DDR der Titel „Aktivist der ersten Stunde“, in der BRD das Bundesverdienstkreuz. Nicht zu vergessen die „Eichen-Pflanzerin“ auf dem 50-Pfennig-Stück.

Diverse Nazigruppen finden, dass den Trümmerfrauen noch mehr Ehre gebührt. Aber nicht nur sie:
Die sich insbesondere für Senioren einsetzende Kleinpartei „Graue Panther“ unterstützte seit Mitte der 80er Jahre Trümmerfrauen, die Altersarmut beklagten und mehr, auch finanzielle, Anerkennung forderten. Daraus hervorgegangen ist der „Gedenktag für die Trümmerfrauen“ am 9. Juli.
Das Dresdner Frauenstadtarchiv führt seit 2006 jährlich ein „Trümmerfrauentreffen“ durch. Man „wählte“ den Termin „bewusst“ 4: den 8.Mai, den Tag der Befreiung! Dieses Jahr wurde es auf den 23.05. verschoben – warum, konnten wir bislang nicht in Erfahrung bringen. Kooperiert wird zum Thema Trümmerfrauen in der Dresdner Erinnerungskultur mit dem Stadtarchiv, der Dresdner Gleichstellungsbeauftragten, dem Frauenbildungszentrum „Hilfe Zur Selbsthilfe“ und auch mit Schulen.
Eben dieses Frauenstadtarchiv hat 2006 auch eine Broschüre 4
herausgegeben, die auf Basis von Trümmerfrauen-Befragungen und Archivmaterial entstand und deren „Hauptanliegen“ es ist, „allen Frauen Dank zu sagen, die das Kriegsende und seine verheerenden Folgen als Anfang und nicht als Ende betrachteten“– „jener Generation von Frauen, ohne die Dresden nach 1945 – wenn überhaupt – weniger rasch zu dem geworden wäre, was es heute wieder ist – eine Stadt, die als Elbflorenz zu neuer kultureller Blüte reifte“ 4
.
In der Broschüre wird durchgängig „der Untergang der einstigen sächsischen Residenz“ Dresden betrauert und als „Symbol sinnloser Vernichtung“ bezeichnet. Es ist die Rede von einem „apokalyptischen Feuersturm“ mit „hungrige[m] Schlund“ – eine deutsche Schuld oder Verantwortung an Krieg und Vernichtung wird nirgendwo überhaupt nur erwähnt. Denn: „Die Sehnsucht nach Frieden war es auch, die damals die Frauen zu Tausenden zum Wiederaufbau Dresdens motivierte.“4 Und eben diese Sehnsucht nach Frieden verhindert augenscheinlich heute die Auseinandersetzung mit Geschichte.
Weiterhin heißt es dort: „Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verbinden die meisten jungen Frauen und Mütter die Erinnerung an den schmerzlichen Verlust ihrer Männer, Väter, Brüder und Söhne, die der brutalen, das Völkerrecht mit Füßen tretenden Kriegführung Hitlerdeutschlands zum Opfer fielen.“4 Hier sind also gar die deutschen Soldaten Opfer – nämlich der Kriegsführung.
In dem 27seitigen Pamphlet kommen auch einige Frauen* der „Erlebnisgeneration“ zu Wort. Charlotte W. beispielsweise klagt: „Für mich war’s die Strafarbeit für die Familie, weil mein Bruder in der Partei gewesen war, in der Nazi-Partei. Mein Bruder war ganz einfaches Mitglied gewesen, weil er studieren wollte. Das war eben so. Das ist Sippenhaftung gewesen.“4 Weitere Schicksalsschläge könnt ihr bei Interesse selbst nachlesen.

Auch die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) führt seit mehreren Jahren eine Kundgebung am Frauen*tag durch. Welcher Ort ist da am naheliegendsten? Richtig, das Trümmerfrauendenkmal. „Neben der Ehrung der Trümmerfrauen mit Blumen am Denkmal wollen wir an diesem Tag daran erinnern, was Frauen heute leisten und leisten wollen.“5 (Vorsitzende Dorothee Marth 2010)

Soweit zu Dresden.

In München haben zwei Mitglieder der Grünen im Dezember letzten Jahres die Konsequenz gezogen, das dortige Trümmerfrauendenkmal öffentlichkeitswirksam mit einem braunen Tuch zu verdecken. Das Tuch hatte die Aufschrift „Den Richtigen ein Denkmal, nicht den Alt-Nazis“. Daraufhin brach ein Shitstorm inklusive Morddrohungen los. Argumentativ gingen dabei Nazis, sonstige rechte Frauen* und Männer* sowie Friedens- und Versöhnungs-Freund_innen Hand in Hand – nur eine Menschenkette oder Montagsdemo haben die dort nicht gemacht.

In Dresden wird momentan keine öffentliche Diskussion um Trümmerfrauen oder auch Täterinnenschaft von Frauen im NS geführt. Das muss nicht so bleiben. Vielleicht nimmt ja hieran jemand Anstoß:
Die Trümmerfrauen haben dazu beigetragen, Deutschland ganz schnell wieder aufzubauen. Dafür haben sie Schwerstarbeit geleistet. Die Frage ist nur, was daran toll sein soll. Allgemein sollte sich niemand – für Deutschland oder für irgendeinen anderen Gedanken – Steine klopfend den Rücken kaputtmachen. Wer von den Alliierten dazu verpflichtet wurde, sollte froh sein, dass es sie_ihn nicht schlimmer getroffen hat.
Wir können nicht allen Trümmerfrauen unterstellen, Nazis gewesen zu sein oder deren Ideen gutgeheißen zu haben. Da das aber auf so gut wie allen Deutschen zutraf, gibt es absolut keinen Grund zu glauben, bei den Trümmerfrauen sei es anders gewesen. Dass sie die Ideen des NS ablehnten, ist die abwegigere Unterstellung.
Deutsche Frauen waren im Allgemeinen nicht weniger schuld bzw. verantwortlich als jedes andere Mitglied der „Volksgemeinschaft“. Dieses „Volk“ hörte am 8.Mai 1945 nicht auf zu existieren. Wenn auf Montags- oder Samstagsdemos heute gerufen wird „Wir sind das Volk“, dann ist das ernstzunehmen.

Antisemitische, antiromaistische, rassistische, sozialdarwinistische und völkische Tendenzen müssen bekämpft werden.

Am 08.Mai 1945 half nur militärisches Eingreifen. Was aus feministischer und herrschaftskritischer Sicht heute zu tun ist, darüber müssen wir uns unterhalten.
Kein Frieden dem Volk!

Zum Weiterlesen:
Ljiljana Radonic 2006
Antifaschistischer Frauenblock Leipzig (AFBL) 2003
Zum Weiterhören:
Radiokollektiv Volume Mascara Murmansk (RVMM) Rubrik „denkmal“,
z.B. Beitrag zur Margit-Fischer-Stiftung

    Auch wenn es nicht explizit um Trümmerfrauen gehen wird, möchten wir in diesem Zusammenhang folgende Veranstaltung empfehlen: Wir haben Ljiljana Radonic für einen Vortrag nach Dresden eingeladen. Der Titel lautet „Von weiblichen Opfermythen. Deutsche Frauenbewegungen und Antisemitismus“. Er wird am 21.05. um 19 Uhr im kosmotique (Martin-Luther-Straße 13) stattfinden. Der Eintritt ist frei.
  1. * Ob­wohl wir Ge­schlech­ter­ka­te­go­ri­en als Kon­struk­ti­on er­ken­nen, ist die Zwei­ge­schlecht­lich­keit mit­samt ihren „na­tür­li­chen“ Zu­schrei­bun­gen eine ge­sell­schaft­li­che Rea­li­tät, mit der wir immer wie­der kon­fron­tiert sind. Aus die­sem Grund ver­wen­den wir zwar die Be­zeich­nung „Frau­en“, mar­kie­ren diese aber mit einem Stern. [zurück]
  2. http://www.frauenstadtarchiv.de/ [zurück]
  3. zit. nach Radonic http://jungle-world.com/artikel/2006/21/17545.html [zurück]
  4. http://www.frauenstadtarchiv.de/fsa-dresden_broschuere-truemmerfrauen.pdf [zurück]
  5. http://www.spd-frauen-dresden.de/index.php?mod=content&menu=90401&page_id=2074 [zurück]