Tag-Archiv für 'reproduktion'

Raise your voice! Your body, Your choice – Feministische Inhalte auf die Straße tragen!

All-Gender-Demo in Münster mit FLTI-Block
Demo am 21. März in Münster. 11 Uhr Windthorststraße (gegenüber Hauptbahnhof)

1000-Kreuze – Nicht schon wieder!

Auch im März 2015 werden wieder fundamentalistische Christ*innen1 mit weißen Holzkreuzen bewaffnet durch Münster ziehen, um betend, singend und schweigend ihre Verachtung gegenüber allem auszudrücken, was nicht ihren Normen entspricht. Der von „EuroProLife“ organisierte ‚Gebetszug‘ richtet sich in erster Linie gegen Schwangerschaftsabbrüche und damit gegen das Selbstbestimmungsrecht von schwangeren Personen. In der Kritik stehen aber unter anderem auch Verhütung, Sex vor der Ehe, Homosexualität und queere Geschlechtsidentitäten. Der Kampf um reproduktive Rechte dient als Kristallisationspunkt für eine umfassende konservative Kulturkritik an der Gesellschaft. Durch das Aufgreifen von Themen der Familienpolitik und Sexualmoral und das Schüren von Angst vor dem Aussterben des weißen2 ‚deutschen Volkes‘ werden außerdem konservative bis extrem rechte völkische Gesellschaftsbilder produziert und bedient. (mehr…)

Audioaufnahme unserer Veranstaltung in London: Input und Diskussion ‚gender and capitalism‘ @AFem2014

English

Aus unserer (nicht nur e*vibes-)London-Reisegruppe heraus gab es die Initiative eines inhaltlichen Beitrages zur Internationalen Anarchafeministischen Konferenz in London. Vorbereitet wurde dieser von Leuten, die so zuvor noch gar nicht zusammengearbeitet hatten, zudem sehr kurzfristig, mit eher rudimentären Englischkenntnissen und ohne zu wissen, auf welche Voraussetzungen, Diskussionszusammenhänge usw. wir dort treffen. Wir haben entschieden, nicht lange zu reden. Dazu war es nötig, wenige Hauptaussagen herauszufiltern (über die man sich echt zwischendurch mal klar werden sollte). Uns interessierte ja vor allem, was die anderen zu sagen haben bzw. was bei ihnen diskutiert wird. Und dann bestand die Aufgabe nicht zuletzt darin, eine Diskussion zu ‚leiten‘, die man zur Hälfte nicht versteht ;) Nun jedenfalls sind wir stolz, das gemacht und irgendwie geschafft zu haben.
Hier gibt’s den kurzen Input und die Diskussion – inklusive Denglish, lustigen Missverständnissen und krasser Aufregung – zum Anhören:
Input, Diskussion

Der 28. September – Tag für die Entkriminalisierung von Abtreibung in Lateinamerika und der Karibik

In Lateinamerika findet heute der Tag für die Entkriminalisierung von Abtreibung statt. Mit Demonstrationen, Kundgebungen und Workshops versuchen feministische Bewegungen, den Kämpfen um reproduktive Rechte Nachdruck zu verleihen.
Auf dem Blog der Liga Humanista secular do Brasil wurde dazu folgender Text zur aktuellen Lage veröffentlicht, dessen Übersetzung wir in Zusammenarbeit mit der Autorin gerne als Diskussionsmaterial zur Verfügung stellen möchten.
Hier findet ihr eine englische Übersetzung.

Die Kampagne zum 28. September und ein Überblick über die Abtreibungsgesetze in Lateinamerika1

1990 wurde auf der 5. feministischen Versammlung Lateinamerikas und der Karibik („encontro feminista Latinoamericano e do Caribe“) in Argentinien der 28. September zum „Tag für die Entkriminialisierung von Abtreibung“ erklärt. Die feministischen Bewegungen führten die Komplikationen, welche bei illegalisierten und selbst durchgeführten Abtreibungen auftreten, als Hauptgrund für die erhöhte Sterblichkeit von Frauen2 an.
In Lateinamerika wird der 28. September mit Demonstrationen, Spaziergängen, Aktionen und Workshops begangen. Ziel ist es, die lateinamerikanische Gesellschaft über die hohe Sterblichkeitsrate bei unsicheren und illegalisierten Abtreibungen von Schwangeren aufzuklären. Ebenso soll über die Objektivierung und die Kontrolle über den weiblichen Körper diskutiert, Gesetze hinterfragt, Debatten angestoßen, politische Allianzen kreiert und Handlungsstrategien skizziert werden.
Dieses Jahr wird die Kampagne in mehreren Ländern Lateinamerikas stattfinden. Wir möchten mit diesem Text Diskussionsmaterial zur Verfügung stellen und über die Hauptschwierigkeiten und den aktuellen Stand der feministischen Bewegungen der region informieren. Außerdem wollen wir einen Überblick über die gesetzlichen Regelungen zu Abtreibung geben3.
(mehr…)

Pressemitteilung von Pro Choice Dresden

+++ Protest gegen fundamentalistischen „Schweigemarsch“ im Erzgebirge + Ultrakonservative wollen Schwangerschaftsabbruch kriminalisieren + lautstarker Protest von feministischen Gruppen +++

para218

Am Montagnachmittag demonstrierten in Annaberg-Buchholz etwa 50 Menschen unter dem Motto: „Mein Körper gehört weder Kirche noch Deutschland – Weg mit §218!“, um feministische Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen. Anlass dafür war der sogenannte „Schweigemarsch für das Leben“ von christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegner_innen. Dabei wurde der Marsch nicht nur mit kritischen Sprechchören begleitet, die Feminist_innen verteilten zusätzlich Aufklärungsbroschüren und Informationsmaterial an interessierte Passant_innen.

Bei der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz wurde in verschiedenen Redebeiträgen das Recht auf Selbstbestimmung von schwangeren Menschen propagiert und deren bestmögliche Unterstützung gefordert. Die Pläne der Abtreibungsgegner_innen wurden als reaktionär und frauenfeindlich abgelehnt. Als besonders perfide stellt sich der Versuch der CDL („Christdemokraten für das Leben“) dar, Schwangerschaftsabbrüche auf eine Stufe mit dem Euthanasieprogramm der NS-Zeit zu stellen.

Mitten unter den fundamentalistischen Abtreibungsgegner_innen war auch die CDU-Landtagsabgeordnete Uta Windisch. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Steffen Flath ließ sich dagegen – anders als in den vergangenen Jahren – entschuldigen. Die Abschlusskundgebung des Schweigemarsches wurde aufgrund der Proteste vom Marktplatz weg verlegt, um sich der Lritik nicht stellen zu müssen.

Gloria Lust von den Organisator_innen: „Wir sind sehr erfreut, dass sich auch im Erzgebirge viele Menschen gegen die Bevormundung von Schwangeren stellen. Jährlich sterben 47.000 Menschen, weil sie keine legale Möglichkeit zu einem Schwangerschaftsabbruch haben – so die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation. Die Kriminalisierungsversuche der CDL schützen das Leben nicht, im Gegenteil: sie setzen es aufs Spiel! Wir stellen laut unsere Forderung nach mehr Selbstbestimmung und bestmöglicher Unterstützung von Schwangeren dagegen. Der Rückzieher von Flath und die Verlegung der Aufmarschroute zeigen die Wirksamkeit des erstmaligen Protests.“

Zum Protest hatte die Gruppe „Pro Choice Dresden“ aufgerufen, sie fordert unter anderem die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, welche nach §218 StGB in Deutschland immer noch illegal sind und nur unter bestimmten Umständen straffrei bleiben. Weltweit gibt es immer wieder Versuche von Konservativen, bestehende gesetzliche Regelungen zu verschlechtern.

Veranstaltungen rund um den 1. Mai

Libertärer 1.Mai

25.04.2014

FAU-Solikneipe mit Film „Made in Dagenham“ sowie Kurz-Input (e*vibes) und Diskussion zu Gender Pay Gap, Patriarchat und Kapitalismus
ab 20:30h im WUMS (Columbusstraße 2)

01.05.2014

Libertäre Demonstration zum 1.Mai „Gewerkschaftsfreiheit verteidigen! – Entschlossen – solidarisch – jeden Tag!“ (Aufruf)
Kundgebung ab 12h am Theaterplatz, Demonstration 13:30h ab Theaterplatz

02.05.2014

GeschirrSpülen, OmaPflegen, KloPutzen, StaubWischen,
Einkaufen, Diskutieren, SichBewerben, SichBilden,
Ruinieren, Stagnieren, Revolutionieren,
ChipsEssen, ProtokollAbtippen, EinEuroJobben.
Aber: ich mein‘… was soll der Scheiß?

couch potato

Sofas und Chips
zum Tag der Arbeitslosen.

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Herzlich willkommen!
Setzen Sie sich oder bleiben Sie stehen. Genießen Sie Kartoffelchips. Sie sind eingeladen, sich anlässlich des heutigen 2.Mai, dem Tag der Arbeitlosen, grundsätzliche Gedanken zum Thema Arbeit zu machen.

* Warum, meinen Sie, muss man arbeiten?
* Warum wollen viele einer Lohnarbeit nachgehen?
* Warum ist es für die meisten unangenehm, „arbeitslos“ zu sein?
* Warum ist es für manche angenehm?
* Was würde geschehen, wenn Sie morgen nicht arbeiten würden?
* Ist Hausarbeit oder Beziehungsarbeit auch Arbeit – und was ist anders?
* Sollte so etwas bezahlt werden?
* Sind Sie ein produktives Mitglied der Gesellschaft – und wodurch?
* Was genau bedeutet Faulheit?
* Welche Tätigkeiten begeistern Sie?
* Bedeutet Lohnarbeit immer Ausbeutung?
* War es früher besser? Wirklich?
* Sollte das Überleben von Leistung abhängen?
* Kochen/wickeln/pflegen/putzen/schlichten Frauen lieber als Männer?
* Sind manche Tätigkeiten mehr wert als andere?
* Was würden Sie tun, wenn Sie nicht arbeiten „müssten“?
* Was genau hindert Sie daran?
* Und was würden all die anderen tun? Was macht Sie da so sicher?
* Was wäre, wenn Menschen ohne Zwang tätig oder untätig sein könnten?
* Könnten notwendige Tätigkeiten gleichberechtigt verteilt sein?
* Können Sie sich eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit vorstellen?
* Warum nicht?
* Was würden Sie jetzt gern tun?

15-18 Uhr
am Artesischen Brunnen am Albertplatz
facebook event

[eine Kooperation von Leuten aus dem Allgemeinen Syndikat Dresden/FAU und aus der Gruppe e*vibes – für eine emanzipatorische praxis]

Gutes Leben ohne Sorgen! (Diskussionsanregungen zur Care Revolution)

Rückblick auf die Veranstaltung am 16.01. in der EHS

Vom 14.-16. März 2014 findet in Berlin die „Aktionskonferenz Care Revolution. Her mit dem guten Leben – für alle weltweit!“ statt.
Vor vier Wochen, am 16.01., gab es an der EHS Dresden (Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit) eine Infoveranstaltung dazu. Jeweils kurze Inputs brachten eine Vertreterin des AK Reproduktion bzw. der Konferenz und Vertreter_innen von uns sowie vom Allgemeinen Syndikat Dresden/FAU Dresden. Danach gab es eine Diskussion, in der weniger diskutiert als vielmehr diverse Themen auf den Tisch gebracht und Standpunkte in den Raum geworfen wurden. Aber immerhin – schließlich gab es eine derartige Veranstaltung in Dresden noch nicht. Vielleicht war dies ein Auftakt für das so notwendige kontinuierliche ‚Dranbleiben‘ am Thema.
Die Veranstaltung wurde zum Nachhören aufgenommen. Denkwürdig ist’s, wie Getrommel und Gejubel mutmaßlicher EHS-Studierender von der gleichzeitig dort stattfindenden ‚Medienkunstnacht‘ hinaufdringen und das Verstehen erschweren ;-) Viel Spaß damit: Audiomitschnitt

Unser Input während der Infoveranstaltung ging zunächst kurz um die Frage, warum sich Feminist_innen eigentlich mit Sorgetätigkeiten beschäftigen. Also: Wie hängen Care-Tätigkeiten und deren gesellschaftliche Abwertung mit Geschlecht zusammen? Dieser konstitutive Zusammenhang fehlte uns im Aufruftext, der die Frage, warum man eigentlich weniger Geld bekommt, offenlässt. Danach nannten wir einige Punkte, die uns einerseits oft bei Protesten zum Thema, andererseits bei der Konferenz zu kurz kommen oder problematisch scheinen. Diese kommen hiermit nochmal schriftlich und etwas ausformulierter, um damit Diskussionen auf der Konferenz bzw. um sie herum anzuregen.

Probleme und Diskussionsfragen

Immer wieder mal gibt es Proteste im bezahlten Sozial- oder Pflegebereich, bei denen einige Ansätze, Aussagen oder Schild-Aufschriften echt problematisch sind. Da gibt es Demos gegen Sozialabbau („Wir sind mehr wert!“) oder gegen Krankenhausprivatisierungen, „Pflege am Boden“-Flashmobs etc.
Die Konferenz reiht sich in diese insofern mit ein, dass sie solche Proteste vernetzen und bündeln will. ‚Anders‘ ist an der Konferenz, dass im Programm Geschlecht thematisiert wird, was bei Protesten zum Thema oft nicht ‚auf dem Schirm‘ ist – da besteht noch Interventionsbedarf. Außerdem stellt der Konferenzaufruf klar, dass es im Kapitalismus eben nicht um menschliche Bedürfnisse geht (man sich darüber also nicht zu wundern braucht) und deshalb eine grundlegende Veränderung stattfinden muss. Aus diesen und anderen Gründen unterstützen wir den Konferenzaufruf, auch wenn uns einiges fehlt, zu kurz kommt oder ähnlich problematisch gesagt wird wie in o.g. Beispielen.

Zuweilen werden einige Tätigkeiten als besonders ‚menschliche‘ moralisch geadelt. Als wenn sie irgendwie mehr als andere den menschlichen Bedürfnissen dienen würden. Aber Hegen und Pflegen und Sorgen und Kümmern sollten nicht glorifiziert werden.

Kein Bereich innerhalb des Kapitalismus dient menschlichen Bedürfnissen. Bedürfnisse werden zwar befriedigt, aber dies ist eher Nebenprodukt – darum geht es nicht. Das ist auch bei Sozialarbeit o.ä. nicht anders. Ob die engagiert arbeitenden Individuen das so wollen oder nicht. Die Tätigkeit der Pflegerin hat mit der der Bankangestellten ihre Lohnarbeitsförmigkeit gemeinsam, wenn sich auch vermutlich der Lohn unterscheidet. Aber inwiefern geht es im Pflege- oder Bildungssektor mehr um menschliche Bedürfnisse als im Immobilien- oder Aktiengeschäft? Wer sagt eigentlich, welches wirklich echt menschliche Bedürfnisse sind? Gepflegt werden und zur Schule gehen schon, einkaufen oder Auto fahren nicht? Alle Bedürfnisse sind gesellschaftlich vermittelt; es ist unmöglich, unmittelbar ‚menschliche‘ zu finden. Die Tischlerin und Designerin macht Öko-Möbel für glückliche Menschen, der Politiker im Bundestag kümmert sich um Menschen, die Versicherungsberaterin kümmert sich um Menschen, sie alle sind ganz menschlich und besorgt. Unterschiede bestehen bei diesen Berufen, die alle „was mit Menschen“ machen, sicher im Grad der gesellschaftlichen Vermittlung. Aber auch in Berufs- und Selbstbildern der dort jeweils Tätigen.

Gerade der Berufsethos im Sozialbereich „Ich helfe aufopferungsvoll (ggf.: und liebe es), das macht mich zur Heldin“ ist ideologische Verschleierung, die an Erkenntnis, Problembewusstsein und schließlich Arbeitskämpfen hindert. Es ist also fraglich, ob es eine gute Strategie ist, politisch genau auf dieses (Selbst-)Bild zu setzen, um Verbesserungen der Bedingungen einzuklagen.

Die Schwierigkeit, in diesem Sektor zu streiken, wenn es nicht auf die Kosten von z.B. pflegebedürftigen Menschen gehen soll, liegt klar zutage. Also: Was können Druckmittel von ‚Care‘-Protesten sein? Um überhaupt an diesen Punkt zu kommen, muss klar gesagt werden, dass es sich hierbei nicht um nette menschliche Gesten, sondern um Lohnarbeit handelt, die immer Ausbeutung ist. Das kann man sagen, auch wenn man ‚das eigentlich gern macht‘ usw. Das ist ja gerade das Absurde: Hier können besonders gut Löhne gedrückt werden, weil es wirklich unmenschlich wäre, diesen Menschen nicht zu pflegen. Aber es so zu tun, ist noch lange nicht ‚menschlich‘. Denn die Formen der Tätigkeiten im Kapitalismus verhindern, dass man sie wirklich gut machen kann.

Das betrifft nicht nur die Lohnarbeitsform, sondern auch die häuslichen, familiären, unbezahlten Tätigkeiten, die zumeist Frauen* überlassen bleiben – ob diese nun zusätzlich lohnarbeiten oder nicht. Diese Tätigkeiten sind auch nicht reiner oder echter oder menschlicher oder vom ‚bösen Außen‘ verschont. Das Private ist heute (im schlechten Sinne) politisch, nämlich gesellschaftlich durchdrungen. Es ist nicht ‚verschont‘, sondern ausgeschlossen, beschränkt und unsichtbar.

Beide Bereiche gehören, in ihrer Abhängigkeit voneinander, gemeinsam überwunden.
Es ginge um die allgemeine Befreiung von Mühsal und Plackerei.

Wir können nur erahnen, wie Tätigkeiten in einer befreiten Gesellschaft aussehen würden, die menschlichen Bedürfnissen dienten – welche auch immer das dann wären. Vielleicht müssten viele Arbeiten nicht mehr unter solch unzumutbaren Bedingungen oder gar nicht mehr gemacht werden. Vielleicht würden neue Tätigkeitsbereiche entstehen. Klar ist nur: Sie wären weder lohnarbeitsförmig organisiert noch der Privatsphäre oder einer gesellschaftlich abgewerteten Gruppe zugewiesen.

Wenn es also um die Überwindung von Lohnarbeit und ihrer Care-Seite inklusive häuslicher Sphäre geht, was bringt dann die spezielle Aufwertung bestimmter Tätigkeiten?
Inwiefern derartige Forderungen realpolitisch sinnvoll sein können, ist zu diskutieren. Jedoch muss darüber hinausgeblickt werden, soll die Realpolitik nicht richtungslos bleiben oder in eine falsche Richtung laufen.
Protestierende mit Slogans wie „Wir sind mehr wert“ können nicht sehen, dass sie im Kapitalismus eben nicht „mehr wert“ sind (auch nicht nach ausführlicher Wert-Schätzung). Erst recht nicht, dass Wert und Mehrwert eigentlich ihr Problem sind. Und: Mit Aussagen wie „Gutes Leben braucht Sorge“ (Titel der Veranstaltung in der EHS) wird ein „Gutes Leben ohne Sorgen“ undenkbar.
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Eine weitere Frage, die doch wichtig wäre zu klären: Wie verhält sich die heutige Forderung nach Aufwertung von Sorgetätigkeiten zu der propagandistischen Aufwertung von ‚einfacher Arbeit‘ und ‚Mutterschaft‘ im NS? Auch wenn man am Ende zu der Antwort gelangt, dass das doch absolut nichts miteinander zu tun hat: Die Frage sollte man sich stellen. Und dann dafür sorgen, dass es nichts damit zu tun hat.

Im Nationalsozialismus waren Frauen* insofern den Männern* gleichgestellt, als dass sie sich gegen den gemeinsamen ‚Feind‘, die Juden_Jüdinnen zusammenschlossen. Sie waren nicht bloße ‚Gebärmaschinen‘. Ihre Mutterschaft wurde hochgelobt, ihre Tätigkeiten im Haushalt oder bei der Erziehung der Kinder immer mehr anerkannt. Das 1938 von Hitler gestiftete Mutterkreuz unterstreicht die Bemühungen der NSDAP, diese „Frauenaufgabe“ aufzuwerten. Im eigenem Heim wurde selbstbewusst „in kleinstem Rahmen der Kampf gegen den inneren Feind, den undeutschen Geist, ausgetragen“ (Frauenführerin Irene Seydel, zit. nach L. Radonic).

Weibliche Erwerbsarbeit nahm ab 1933 stetig zu. Einerseits aufgrund des Ausfalls männlicher Soldaten als Arbeitskraft, aber auch durch Professionalisierung vorheriger Hausarbeit. Die Anerkennung lief darüber, dass ja jedes Glied der ‚arischen Volksgemeinschaft‘ wichtige Arbeit für deren Weiterbestand und Optimierung leiste. (Artikel dazu: Radonic und Walterspiel)

Damit im Hinterkopf ist es interessant, sich Argumentationen von z.B. Gewerkschaften oder Protestaufrufen heute anzugucken..
Die letzte großangelegte Kampagne zur Aufwertung einer Berufsgruppe waren wohl die vor Nationalstolz strotzenden Plakate von „Das Handwerk“. „Ich bin nicht nur Handwerker. Ich bin der Motor, der Deutschland antreibt.“
Hoffentlich schreiben sich das nicht bald irgendwelche Mütter auf die Fahnen. Denkbar wäre auch: „Ich bin keine Hausfrau. Ich bin das Notstromaggregat, das die Produktion am Laufen hält.“ Oder „Ich bin kein Altenpfleger. Ich pflege deutsche Tradition.“
Hoffentlich bleibt uns das erspart. 1

Die Frage wird sein, ob etwas eingefordert wird und was, von wem und mit welcher Begründung. Wenn man z.B. von einer staatlichen Institution irgendwas fordert (mehr Geld oder so) und dann anfängt, seinen Anspruch darauf zu rechtfertigen, muss man sich auf etwas berufen, das allgemein wichtig gefunden wird. Wir leisten was für die deutsche Wirtschaft.2
Der absurde Versuch müsste sein, sich von derartigem Populismus abzugrenzen, ohne komplett unbeachtet zu bleiben.

Die Organisator_innen der Konferenz scheinen jedenfalls mögliche problematische Lesarten oder Abwandlungen ihrer Kritik bzw. ihrer Forderungen nicht zu befürchten. Auch nicht in Richtung einer personalisierten Kapitalismus‘kritik‘ – was angesichts der Bandbreite der beteiligten Gruppen nicht abwegig ist. Naja, Revolutionen schlagen einfach nicht fehl.
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Eine ganz wichtige Frage, die lediglich in einem angekündigten Workshop 3 kurz gestellt wird, ist:
Welche Rolle nehmen wir mit Kritik an Zuständen und dem Bestreben nach einer anderen Organisation von Sorgearbeiten ein?
Krisen erfüllen im Kapitalismus zwar die Funktion eines ‚heilsamen Gewitters‘, aber wenn zu viele Leute durchs soziale Netz fallen, laufen Produzieren und Konsumieren auch nicht mehr so gut.4
Der Kapitalismus ist darauf angewiesen, Arbeit ständig neu zu organisieren, Arbeitsteilung zu optimieren usw.. Angewiesen auch auf unsere Kreativität ‚von unten, wie jetzt mit den existierenden Problemen umgegangen werden kann. Man kann das als Chance sehen, was aber eine Tendenz zur Beschönigung von Elend hat.

Tragen unsere Überlegungen und pragmatische Verbesserungsvorschläge also einfach nur zur Optimierung des Kapitalismus bei, zum Abfedern von Symptomen? Dass sie dazu beitragen, ist klar – und auch wichtig, weil irgendwer die Verrohung in Grenzen halten muss. Aber die Frage ist: bleibt es dabei?
Wie können wir mehr machen als nur zu reproduzieren – oder weniger? Wie überschreiten wir dieses einzelne Verschieben, das gesellschaftliche Verhältnisse unangetastet lässt?

Vielleicht ist ein Ansatz, mehr zu sein als das: sich mit eben dieser Rolle auseinanderzusetzen, sie zu reflektieren, sie (auch öffentlich) abzulehnen und diese Ablehnung als Ausgangspunkt zu nehmen.
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Wir finden wichtig, dass diese Punkte/Fragen diskutiert werden. Ob das auf der Konferenz passiert (wenn sie es auch nicht unbedingt herausfordert), hängt an allen Anwesenden. Ansonsten gibt es ja noch viele andere Orte – zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Politgruppe oder ganz woanders.

So, Aufbruchstimmung vermiest?

  1. „Ich baue keine Stadien. Ich gebe 80.000 Menschen ein Zuhause.“ oder „Ich repariere keine Motoren. Ich lasse Herzen wieder schlagen.“ zeigen wieder mal, dass das mit der Rede von ‚menschlichen‘ Bedürfnissen ’ne schwierige Angelegenheit ist. [zurück]
  2. Aber: Im Sozialbereich geht es bei Förderanträgen allerdings meist um „Europa“ oder „benachteiligte Gruppen“ – entkräftet das die Argumentation? [zurück]
  3. „B1. Funktionialisierung von Moral“: „(…)Auf einmal lastet gesellschaftliche Verantwortung auf uns, auf den einzelnen Personen und wir sollen ausbügeln, was strukturell nicht funktioniert und wo politische Entscheidungen die Bedingungen verschlechtern.(…)“ http://care-revolution.site36.net/ablauf/workshops/#b1 [zurück]
  4. Wie viele Leute das sind, und wie viele als ‚Überflüssige‘ gelten, auf deren Reproduktion das Kapital nicht mehr angewiesen ist, hängt auch von sozialen Kämpfen ab. Wenn immer mehr ‚überflüssig‘ sind – woran können oder wollen wir dann überhaupt noch appellieren? [zurück]

Eingesendet: Redebeitrag zu Geschlechterverhältnis und Krise auf der FAU-Demo

Hiermit dokumentieren wir einen Redebeitrag, der heute auf der Demonstration „Wir haben eine Würde zu verteidigen! Globale Solidarität gegen Sozialkahlschlag und Ausbeutung!“ gehalten wurde. Kritisiert wurde die fehlende Auseinandersetzung mit Reproduktionsarbeit sowie die fehlende Hervorhebung der Situation von Frauen als doppelten Krisenverliererinnen. Gefordert wurden dahingehend grundlegendere, umfassendere Fragstellungen bei der Beschäftigung mit Kapitalismus, Krise und Arbeit(-skampf). Der Beitrag wurde zudem als Flyer verteilt. Hier kommt er:

Wer von der Krise redet, kann vom Geschlechterverhältnis nicht schweigen.

Wachsende Ausbeutung, Flexibilisierung, Armut, Kurzarbeit und Erwerbslosigkeit, Rückgang staatlicher sozialer Absicherung – man könnte meinen, Männer und Frauen seinen gleichermaßen von der Krise betroffen. Sind sie aber nicht. Frauen sind doppelte Krisenverliererinnen.

Der Beschäftigungsaufbau der letzten Jahre hat vor allem Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt. Zwei Drittel aller im Niedriglohnsektor Beschäftigten in Deutschland sind Frauen. Auch Leiharbeit beginnt sich in traditionell weiblich segregierten Beschäftigungsfeldern, wie dem Pflegebereich, auszubreiten. In ökonomischen Krisenzeiten sind Frauen überproportional von Entlassungen betroffen. Die Konjunkturprogramme sind vor allem eine Unterstützung männerdominierter Branchen – so etwa der Automobil- und Baubranche.

Das Geschlechterverhältnis ist weiterhin hierarchisch, aber es hat sich verändert. Frauen werden zwar immer noch schlechter bezahlt als Männer, werden aber immer weiter in Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit integriert. Der Familienlohn über den männlichen „Ernährer“ ist für die Kapitalverwertung zu teuer geworden. Damit der Wert der Arbeitskraft sinkt, müssen stattdessen möglichst viele Familienmitglieder der Lohnarbeit unterworfen werden.

Frauen sind aber zudem immer noch hauptverantwortlich für Hausarbeit, Gebären, Erziehung, Pflege, Sorge um Kinder, Alte, für die Entspannung oder das „Wieder-Auftanken“ des arbeitenden Mannes (ausgehend von der hegemonialen heterosexuellen Kleinfamilie).
Frauen sind also für Beruf und Familie, für Produktion und Reproduktion gleichermaßen zuständig und somit doppelt vergesellschaftet – die großartige „Vereinbarkeit“ gehört zum Bild der erfolgreichen Frau. Diese Doppelbelastung führt zu weniger kontinuierlichen Arbeitsbiografien, häufig zu Teilzeitarbeit, was wiederum zu geringerem Einkommen und der Restabilisierung von Abhängigkeiten führt.

Unter prekärer und entgrenzter Lohnarbeit erhöht sich der Aufwand für Selbstsorge und Sorge für Andere noch. Der gleichzeitige Abbau der sozialen Absicherung und Reduktion der staatlichen Aufwendungen in den Bereichen der Erziehung und Bildung, Gesundheit und Pflege spitzt die Lage weiter zu.

Aber hey, wer in der Krise arbeitslos wird, hat wenigstens Zeit, sich um den Abwasch zu kümmern.

Zwar werden inzwischen immer mehr Pflege- und Sorge-Tätigkeiten über den Dienstleistungssektor verwertet (wo es wieder zumeist schlecht bezahlte Frauen sind, die diese Arbeit machen), jedoch bleibt es wegen geringer Möglichkeiten zur Produktivitäts-steigerung in diesem Sektor am günstigsten, wenn meist weibliche Erwerbstätige die wachsenden Reproduktionsaufgaben ohne gesellschaftliche Unterstützung am Rande der Erschöpfung zusätzlich zu ihrer Lohnarbeit realisieren.

Eine sozialdarwinistische Familienpolitik (z.B. Elterngeld) ermutigt v.a. besserverdienende Frauen bzw. Paare, trotzdem Kinder zu kriegen.

Eben diese haben auch die finanzielle Möglichkeit, sich von der überlastenden Hausarbeit oder Kinderbetreuung zu befreien, indem z.B. Migrantinnen ausgebeutet werden.

Arbeitskämpfe müssen auch vom Standpunkt der Reproduktion aus geführt werden.

Die gesellschaftlich abgewerteten Reproduktions-Tätigkeiten bleiben im hegemonialen Diskurs als typische Frauenarbeit oft unsichtbar. Gewerkschaften reihen sich hier ohne Ausnahme ein: Auf Basis androzentrischer Denkmuster setzen sie den männlichen (und weißen) Arbeiter als Allgemeines – und vergessen den „Rest“, der doch konstitutiv ist für denselben.

Der Wert bzw. das moderne (männliche) Arbeitssubjekt muss Emotionales, Sinnliches von sich abspalten, was dann gesellschaftlich an Frauen und die Privatsphäre delegiert wird. Reproduktionstätigkeiten sind notwendig zur (Wieder-) Herstellung der Ware Arbeitskraft und somit stumme Voraussetzung von abstrakter Arbeit und Wert.

Für Frauen kann es nicht nur um Gleichberechtigung innerhalb des Systems, etwa über gender mainstreaming-Prozesse, gehen. Über abstrakte Gleichheit ginge dies ja doch nicht hinaus. Ebenso sollte die teilweise Einbeziehung von Frauen als Krisenverwalterinnen nicht mit Emanzipation verwechselt werden.

Es müssen sich grundlegendere Fragen gestellt werden:
Welche Existenzbedingungen und Reproduktions-Arbeiten sind gesellschaftlich notwendig, wie sind diese organisiert und verteilt und inwiefern ist das gesellschaftlich vermittelt? Wie wollen wir die Arbeit verteilen?

Mögliche realpolitische Forderungen, die zu diskutieren wären, könnten sein: Arbeitszeitverkürzung in der Erwerbssphäre, Ausbau sozialer Infrastruktur, Vergesellschaftung von Reproduktionskosten. Ja, die Bezahlung von Haus- und Sorgearbeit wäre eine mögliche Forderung, jedoch würde dies den Lohnarbeitsbereich nur ausweiten und der Verwertung weiterer Lebensbereiche, die ohnehin voranschreitet, noch zuarbeiten. Wäre da nicht eher die angemessene Frage: Wie werden wir abstrakte Arbeit und Wert los?

Um die Arbeit aufzuheben, müssen verschiedene Seiten der Medaille, nicht nur die Produktionssphäre, beleuchtet werden. Dabei ist das Geschlechterverhältnis endlich nicht mehr als Neben- oder Frauenthema, sondern als gesellschaftliches Grundprinzip zu betrachten.

(Wie) Können Reproduktions-Arbeiter*innen „streiken“?

Wie sieht ein Arbeitskampf aus, der alle gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten im Blick hat und Kapitalismus mitsamt seines Arbeitsbegriffs tatsächlich zu überwinden trachtet?“